Die Zerstörung der Fake-Ratgeber (auf Amazon)

ein Gastbeitrag von Dr. Jan Höpker.

Nun wird auch Amazon Deutschland mit Schrottbüchern von Fake-Experten überflutet. Dahinter stecken Schrottbuch-Unternehmer, die am Fließband produzieren und nicht einmal vor ernsten Themen wie Krankheiten zurückschrecken. Inhaltlich sind diese Bücher unterirdisch schlecht, aber dank unfairer Tricks verkaufen sie sich irre gut. Einige Themenbereiche werden bereits von Schrott dominiert.

Wie Johannes Haupt in einem ähnlichen Artikel dargelegt hat, wird allen Lesern, Verlagen und ehrlichen Autoren großer Schaden zugefügt.

Dass das Problem existiert, ist dem weltgrößten Onlinehändler aus Seattle offensichtlich bekannt. Jeff Bezos‘ eigene Zeitung, The Washington Post, hatte schon 2015 in einem ausführlichen Artikel auf das Problem der Fake-Experten aufmerksam gemacht.

Inhaltsverzeichnis [Inhaltsverzeichnis anzeigen]

Wo der Schrott herkommt

Das Prinzip, nach dem die Schrottbuch-Unternehmer vorgehen, ist simpel: Zuerst wählt man ein Thema, mit dem man glaubt, Geld verdienen zu können. Dann rekrutiert man einen Ghostwriter, der sich einen Text aus den Fingern saugt und/oder diesen aus dem Internet zusammenkopiert. Wenn der Text (eigentlich) zu kurz für ein Buch ist, wählt man einfach eine übertrieben große Schrift und große Zeilenabstände, um auf eine Anzahl von Seiten zu kommen, die gerade so als Buch durchgeht. Und damit das Werk gekauft wird, erfindet man schließlich noch einen Experten, der es angeblich geschrieben haben soll.

Da die Schrottbuch-Unternehmer an allem, außer an der Aufmachung (Produktpräsentation) sparen, erreichen sie hohe Gewinnspannen. Und wenn sie die Gewinne in neuen Schrott reinvestieren, kann ihr »Kindle-Business« exponentiell wachsen.

Im Folgenden beschreibe ich die Entstehung der Schrottbücher noch einmal detaillierter. Wer mag, kann diesen Teil überspringen, um weiter unten zu erfahren, warum Schrottbücher ein großes Problem sind und woran man sie leicht erkennen kann.

Schritt 1: Nischenfindung

Da der Schrottbuch-Unternehmer nicht an guten Büchern, sondern am schnellen und bequemen Geld interessiert ist, greift er nur lukrative Nischen an, bei denen er halbwegs sicher ist, dass er die bereits existierenden Bücher schlagen kann. Datenkraken wie Helium10 stellen ihm alle erdenklichen Marktdaten und Informationen über die Konkurrenz zur Verfügung.

Schritt 2: Einen Ghostwriter rekrutieren

Schrottbuch-Unternehmer schreiben nicht selbst – sie lassen schreiben. Günstige Ghostwriter findet man online, zum Beispiel auf Marktplätzen wie content.de oder textbroker.de. Zu Einstiegspreisen von nur einem Cent pro Wort kann man sich für weniger als 200 € ein komplettes Schrottbuch schreiben lassen.

Dass Ghostwriter, die ihre Dienstleistung zu solchen Preisen anbieten, wahrlich keine Experten auf irgendeinem Gebiet sein können, geschweige denn einen Anreiz haben, intensiv zu recherchieren, versteht sich von selbst. Zu diesem Preis kann man kaum mehr erwarten als wörtliches oder sinngemäßes Kopieren aus Blogartikeln oder Wikipedia. Außerdem wimmelt es in diesen Büchern meist nur so von Rechtschreib- und Satzbaufehlern.

Schritt 3: Ein Cover designen lassen

Coverdesigner lassen sich auf Marktplätzen wie fiverr.com finden, wo die Preise schon bei fünf Euro anfangen. Tatsächlich dürften aber einige Schrottbuch-Unternehmer mehr Geld in die Cover investieren, als ihnen die Inhalte der Bücher wert sind. Am Cover zu sparen wäre dumm, denn bei Amazon entscheidet nichts so sehr wie das Cover darüber, ob die Zielgruppe anbeißt.

Schritt 4: Einen Experten-Autor erfinden

Wenn die Zielgruppe wüsste, wer das Buch geschrieben hat und wie es entstanden ist, wäre das Interesse nahe null. Der Schrottbuch-Unternehmer braucht daher unbedingt ein Pseudonym, an dem die Zielgruppe Gefallen findet. Zu den wichtigsten Elementen gehören ein Autorenfoto und eine Autorenbiografie.

Für das Autorenfoto kauft der Schrottbuch-Unternehmer sogenannte Stockfotos, die Kompetenz ausstrahlende Models zeigen. Diese gibt es schon für kleines Geld bei Anbietern wie depositphotos.com oder sogar kostenlos bei pixabay.com. Der zum Foto passende Autorenname wird genauso frei erfunden wie dessen Lebenslauf. Letzterer wird mit erfundenen Erfolgen und Abschlüssen aufgewertet.

Der frei erfundene Experten-Autor Konrad Sewell (Screenshot) | Das Foto zeigt ein Model (Quelle des Stockfotos) und der Lebenslauf dürfte ebenso frei erfunden sein, wie der Doktortitel. (Das Erfinden eines Doktortitels ist übrigens eine Straftat, für die man sogar ins Gefängnis kommen kann.)

Schritt 5: Für positive Rezensionen sorgen

Der Schrottbuch-Unternehmer weiß: Um den Großteil seiner Zielgruppe zu überzeugen, braucht er positive Rezensionen. Leider können aber Wochen oder sogar Monate verstreichen, ehe die ersten Rezensionen auf natürlichem Wege entstanden sind, und negative Rezensionen würden sein Buch zu diesem Zeitpunkt regelrecht vernichten. Dieses Risiko kann und will ein Schrottbuch-Unternehmer natürlich nicht eingehen. Um weitere Schrottbücher finanzieren zu können, müssen sich seine Werke zumindest amortisieren.

Der Schrottbuch-Unternehmer kennt einen Ausweg: Er »generiert« die seiner Meinung nach notwendige Anzahl an positiven Rezensionen einfach selbst. Sogenannte »Rezi-Tauschgruppen«, in denen sich die Schrottbuch-Unternehmer verabreden, um sich gegenseitig positive Rezensionen zuzuschieben, gibt es zum Beispiel bei Facebook.

Rezi-Tauschpartner gesucht (Screenshot aus Facebook) | In einschlägigen Facebook-Gruppen werden Rezensionen zum Kauf und Tausch angeboten.

Noch vor wenigen Jahren hat man pro Buch typischerweise um die 20 Rezensionen generiert – heute haben viele Schrottbücher schon an die 100 oder sogar noch mehr lobhudelnde 5‑Sterne-Rezensionen, die größtenteils von Personen stammen, die das Buch gar nicht gelesen haben.

Schritt 6: Bezahlte Werbung schalten

Seit Oktober 2019 haben nicht nur Verlage, sondern alle Selfpublisher die Möglichkeit, ihre Werke über bezahlte Werbung direkt auf Amazon bekannt zu machen. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann ein Schrottbuch innerhalb kürzester Zeit in den Markt pressen. Die Gewinne kommen früher und das Kindle-Business wächst noch schneller.

Schritt 7: Den Gewinn reinvestieren

Der Gewinn aus den Schrottbüchern wird in neue Schrottbücher gesteckt. So lassen die erfolgreichsten Schrottbuch-Unternehmer in immer kürzeren Abständen immer mehr Schrottbücher schreiben, die sie unter einer wachsenden Anzahl von Pseudonymen veröffentlichen. Wenn ein Buch aufgeflogen ist, wird es mitunter einfach mit einem anderen Titel und Cover versehen und unter einem anderen Pseudonym erneut veröffentlicht.

Das Geschäftsmodell verbreitet sich wie ein Virus

Einige »Kindle-Unternehmer« haben bereits zu einem anderen Geschäftsmodell gewechselt, mit dem sich noch mehr Geld verdienen lässt: Sie bringen anderen Menschen bei, wie man mit einem E‑Book-Business durchstartet. Stefan James von ProjectLifeMastery hat schon mehr als eine Million Follower auf seinen englischsprachigen Social-Media-Kanälen.

Im deutschsprachigen Raum gehört Grigori Kalinski, der sich selbst »der E‑Book Coach« nennt, zu den Vorreitern. In einem Interview mit dem TV-Sender Hamburg1 (siehe Video) erklärt er seine Idee: Jeder kann ins E‑Book-Business einsteigen, auch wenn er wenig Zeit und kein Startkapital hat. Man muss nicht einmal schreiben können.

Das Interview und die Werbevideos, die Kalinski auf Facebook schaltet, dürften vor allem solche Menschen anziehen, die am schnellen und bequemen Geld interessiert sind. Den gleichen Effekt werden auch die zahlreichen YouTube-Interviews haben, in denen er mit seinen fortgeschrittenen Schülern über deren angeblich hohes vierstelliges Einkommen (es handelt sich wohl eher um den Umsatz) im »Kindle-Business« spricht. Dass vom »Kindle-« oder »E‑Book-Business« die Rede ist, dürfte historische Gründe haben. Das meiste Geld verdienen diese Leute längst mit gedruckten Büchern.

Screenshot aus YouTube | Die Interviews, die »der E‑Book Coach« Grigori Kalinski mit seinen Schülern führt, dürften vor allem solche Menschen anziehen, die am schnellen Geld interessiert sind.

Was sind das für Menschen, die ins Kindle-Business einsteigen? Anhand der Fragen, die diese in einschlägigen Internetforen stellen, lässt sich unschwer erkennen, dass zumindest einige von ihnen keine Ahnung haben, was sie da überhaupt tun:

Typische Fragen von Kindle-Unternehmern in einschlägigen Foren (Screenshots aus Facebook) | Wie man sieht wissen diese Leute einfach nicht, was sie tun. Und diesen beiden muss man noch zugute heißen, dass sie wenigsten nachfragen. Andere machen einfach, ohne sich zu informieren …

Was am beunruhigendsten ist: Es kommen ständig neue Schrottbücher dazu und sie sind immer schwerer zu erkennen, weil die Schrottbuch-Unternehmer schnell dazulernen. Längst werden auch schlechte Rezensionen generiert, aber so, dass sie das entsprechende Buch trotz weniger Sterne wärmstens empfehlen. Außerdem werden vernichtende negative Rezensionen aktiv versteckt, indem man einfach bei einem Dutzend zufällig ausgewählter positiver Rezensionen zigmal auf »nützlich« klickt und/oder diese kommentiert.

Die neueste Waffe der Schrottbuch-Unternehmer: Nützlich-Klicks (Screenshot aus einschlägiger Facebook-Gruppe) | Indem man positive Rezensionen mehrfach »nützlich«-klicken lässt, vermittelt man dem Algorithmus von Amazon, dass diese besonders relevant sind. Vernichtende negative Rezensionen, die ein Buch von echten Lesern bekommen hat, lassen sich mit diesem Trick nach hinten schieben, sodass sie auf der Verkaufsseite nicht mehr angezeigt werden.

 

Nur drei Sterne, aber positiver Text (Screenshots) | Zu den Schrottbüchern der mutmaßlichen Fake-Experten gibt es vermehrt Rezensionen, die zwar nur drei Sterne vergeben, das Buch aber trotzdem wärmstens empfehlen. So können Kunden überzeugt werden, die positiven Rezensionen nicht trauen und daher bewusst nur die negativen Rezensionen lesen.

Man hat das Gefühl, es mit Kindern zu tun zu haben, für die das Kindle-Business eine Art Computerspiel ist, und die gar nicht zu realisieren scheinen, dass hinter ihren Verkaufszahlen echte Menschen mit echten Nöten und Problemen stehen.

Es geht nicht nur um Recht, sondern auch um Moral!

Da der Übergang zwischen ehrlichen Büchern und Schrott fließend ist, muss jeder Leser selbst entscheiden, wo er die Grenze ziehen möchte. Bei Sach- und Ratgeberbüchern verläuft meine Grenze dort, wo Pseudonyme eingesetzt werden. Bei Romanen stören mich Pseudonyme hingegen nicht.

Bevor ich mir neues Wissen aneigne, möchte ich überprüfen können, aus wessen Kopf dieses Wissen stammt. Das Wissen von Experten (mit oder ohne Uni-Abschluss) interessiert mich sehr. Vor den Ergüssen irgendeines ausschließlich monetär motivierten Ghostwriters, der sehr wahrscheinlich nicht über Expertenwissen verfügt, möchte ich mich schützen können. Wenn Laien als Ghostwriter eingesetzt und zur Verkaufsförderung Dutzende Fake-Rezensionen und Expertenbiografien erfunden werden, ist meine Grenze daher weit überschritten. Ich kenne niemanden, der das akzeptabel findet. Dabei spielt es keine Rolle, dass diese Art der Rezensions-Beschaffung sowie erfundene Experten von Amazon nicht ausdrücklich verboten werden.

Woran ich Schrott und Fake erkenne

Es folgen einige ganz konkrete Merkmale, an denen ich Schrottbücher und Fake-Experten erkenne. Diese Merkmale sollten nicht als Beweise, sondern als Indizien verstanden werden. Je mehr Merkmale auf ein Buch zutreffen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein Schrottbuch bzw. einen Fake-Experten handelt. Mit etwas Übung erkennt man den Schrott auf den ersten Blick.

#1 | Ungewöhnlich viele Veröffentlichungen in kurzer Zeit

Etwas zu produzieren, was die Bezeichnung »Buch« verdient, dauert mehrere Monate oder sogar noch länger. Bei Experten, die im Monats- oder gar Wochenrhythmus neue Sach- und/oder Ratgeberbücher veröffentlichen, ist sehr wahrscheinlich etwas faul.

Hinter dem Pseudonym Viktoria Lakefield steckt ein Unternehmer, der es besonders eilig hatte: Zwischen dem 23. Juni 2019 und dem 1. Dezember 2019 sind 12 Bücher unter ihrem Namen erschienen. (Funfact: Viktoria Lakefield hat sogar einen Fake-Ehemann: William Lakefield, der sich bei Amazon als Finanz-Experte präsentiert. Sein Buch Aktien für Einsteiger rankt zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels auf Platz 73 der Amazon-Charts und dürfte damit zwischen 500 und 1.000 € pro Tag einspielen.)

Hinweis: Bei Amazon findet man das Datum der Veröffentlichung eines Buches auf der Verkaufsseite der Taschenbuchausgabe gleich hinter dem Titel.

#2 | Völlig unpassende Kategorien

Bei Amazon können E‑Books und Taschenbücher in jeweils bis zu zehn Kategorien eingeordnet werden, wobei die Auswahl der Kategorien nicht von Amazon, sondern vom Autor selbst getroffen wird. Fast immer sind die Schrottbücher in völlig sinnfreie Kategorien einsortiert. Der Screenshot zeigt die Kategorien zweiter Bücher zum Thema Selbstdisziplin:

Völlig sinnfreie Kategorien | Screenshots der Kategorien zweier Bücher zum Thema Selbstdisziplin. Gezeigt sind jeweils drei (von zehn) völlig sinnfreie Kategorien, in welche die Bücher eingeordnet wurden, um den Bestsellerstatus zu erlangen.

Dahinter steckt Kalkül. Dasjenige Buch, welches sich innerhalb irgendeiner Kategorie, in die es eingeordnet ist, am meisten verkauft, erhält die orange hinterlegte Kennzeichnung »Bestseller« bzw. »Bestseller Nr. 1«. Diese Kennzeichnung (Bestseller-Tag) taucht nicht nur innerhalb der Kategorie, sondern überall auf Amazon neben dem Cover des Buches auf. Der Bestseller-Tag wirkt sich signifikant positiv auf die Verkäufe aus. Schrottbuch-Unternehmer wählen die Kategorien ihrer Bücher daher so, dass diese möglichst leicht den Bestseller-Tag erhalten. Wenn es den Verkauf fördert, landet ein Buch über Selbstdisziplin schon mal in Kategorien wie »Oper«, »Industriegebäude« und »Kfz-Technik«.

Der Bestseller-Tag (Screenshot) | So erscheint ein Buch, das in mindestens einer Kategorie »Bestseller« ist, überall in den Suchergebnissen. Der mit oranger Farbe hinterlegte Bestseller-Tag (links oben) wirkt sich positiv auf die Verkäufe aus, weshalb die Schrottbücher mitunter in völlig unpassende Kategorien einsortiert werden. Das Buch auf dem Screenshot ist unter anderem in der Kategorie »Pop« (Musik) Bestseller.

#3 | Dünnes Buch, aber 3D-Mockup zeigt dickes Buch

Schrottbücher sind häufig so dünn, dass sie kaum die Bezeichnung »Buch« verdienen. Um von der geringen Seitenzahl abzulenken, werden häufig sogenannte 3D-Mockups in die Buchbeschreibung eingefügt, die ein dickes Buch zeigen.

Ein Beispiel: Das Buch Selbstbewusstsein von Julius Loewenstein hat nur 61 Seiten, aber das 3D-Mockup suggeriert ein Buch von mindestens 200 Seiten:

Irreführendes 3D-Mockup (Screenshot) | Das Buch »Selbstbewusstsein« von Julius Loewenstein hat nur 61 Seiten (siehe roter Pfeil), aber das 3D-Mockup suggeriert ein Buch von mindestens 200 Seiten.

Interessanterweise gibt es bei den entsprechenden Büchern auffallend oft noch eine 5‑Sterne-Rezension mit Kundenfotos, auf denen man die Dicke des Buches nicht erkennen kann:

Eine Rezension mit Kundenfotos (Screenshot) | Auf den Fotos ist nicht zu erkennen, dass es nur ein dünnes Heft von 61 Seiten ist.

#4 | Das Autorenfoto ist ein gekauftes Stockfoto

Hier hilft die umgekehrte Bildersuche von Google. Dazu einfach auf das kleine Kamera-Symbol rechts neben dem Suchfeld klicken und dann die URL des fragwürdigen Autorenfotos in das dafür vorgesehene Feld kopieren. Google zeigt dann alle Webseiten an, auf denen das gleiche Foto zu finden ist. Wenn dieses auf Stockfoto-Seiten wie shutterstockpixabay oder depositphotos gefunden wird, ist es ein gekauftes Stockfoto, welches nicht den Autor, sondern ein Model zeigt. In dem Fall ist es eindeutig: Der Autor ist Fake!

Es folgen einige konkrete Beispiele:

Laut Autorenbeschreibung soll Matthias Brandt »Spezialist für effizientes Selbstmanagement und Projektorganisation« sein und hauptberuflich Menschen coachen. Dass er in weniger als sechs Monaten (22. Juni bis 13. Dezember 2019) sieben Bücher veröffentlicht hat, die fast alle in völlig unpassenden Kategorien »Nr. 1 Bestseller« sind, lässt bereits vermuten, dass es sich um einen Fake-Experten handelt, hinter dem ein Schrottbuch-Unternehmer steckt. Tatsächlich wurde das Autorenfoto bei depositphotos gekauft (siehe hier).

Konrad Sewell, ein angeblich »promovierter Jurist«, der eine »Weiterbildung im Bereich Psychologie und Verhaltensweisen« absolviert haben soll, bringt es auf zehn Bücher in weniger als zehn Monaten (18. Februar bis 27. November 2019). Das Autorenfoto wurde bei shutterstock gekauft (siehe hier).

Das Autorenfoto von Anthony Richards wurde nicht gekauft, sondern geklaut: Der Mann auf dem Foto heißt in Wirklichkeit Dr. Craig Considine und er ist Islamwissenschaftler an der Rise University in Houston, Texas. Auf Amazon UK nutzt Considine das gleiche Foto in seinem eigenen Autorenprofil. Der Diebstahl war Irene Gronegger aufgefallen. Auf ihrer Webseite berichtet die Journalistin, welche Antwort sie von Dr. Craig Considine bekam, nachdem sie ihn wegen des geklauten Fotos angeschrieben hatte.

Interessanterweise ist die Autorenbeschreibungen von Anthony Richards mit derjenigen von Christopher Lodge aufs Wort identisch (nur der Name wurde ausgetauscht). Und wie Irene Gronegger in ihrem oben bereits erwähnten Artikel schreibt, ist im Impressum eines der Bücher von Sophie Baker der Anthony Richards – Verlag aus Düsseldorf angegeben (der allerdings weder Google noch der Deutschen Nationalbibliothek bekannt ist). Hinter Anthony Richards, Sophie Baker und Christopher Lodge scheinen die gleichen Personen zu stecken. Im Impressum eines der Bücher von Christopher Lodge ist eine Firma angegeben: RPS Handel UG. Die beiden Geschäftsführer hatten 2017 einen Auftritt in der bekannten TV-Show Die Höhle der Löwen. (Und auf dem Cover eines Buches, das unter dem Pseudonym Anthony Richards veröffentlicht wurde, steht sogar der Name eines der beiden Geschäftsführer der RPS Handel UG.)

Weitere Kandidaten:

Die Anzahl der Fake-Experten könnte in die Hunderte gehen.

Noch mehr verrückte Beispiele gibt es in diesem Artikel.

#5 | Rezensionen nur zur Kindle-Ausgabe

Für die Schrottbuch-Unternehmer ist es sehr viel einfacher und günstiger, Rezensionen zu den Kindle-Ausgaben ihrer Bücher zu generieren. In der Regel verkaufen sich die Taschenbuch-Ausgaben von Sach- und Ratgeberbüchern aber besser.

Daher gilt: Wenn so gut wie alle 5‑Sterne-Rezensionen eines Buches den Zusatz »Format: Kindle Ausgabe« tragen, ist Vorsicht geboten.

#6 | Erst viele Rezensionen und dann gar keine mehr

Wenn ein Buch (oder sogar alle Bücher des entsprechenden Experten) bald nach der Veröffentlichung über Wochen regelmäßig positive Rezensionen erhalten hatte und die Serie von einem auf den anderen Tag beendet war, ist Vorsicht geboten.

Mein Tipp: Man braucht nicht alle Rezensionen händisch durchzugehen. Einfach die URL der Verkaufsseite des Buches in das dafür vorgesehene Feld bei ReviewMeta kopieren und in der Auswertung zur entsprechenden Stelle scrollen. Die blaugrauen Balken zeigen die Anzahl an Rezensionen an, die das Buch in dem entsprechenden Zeitraum erhalten hat. Dazu ein unverdächtiges und ein verdächtiges Beispiel:

Wann sind die Rezensionen entstanden? (Screenshots der Auswertungen von ReviewMeta) | Oben: Die 39 Rezensionen dieses Buches (blaugraue Balken) sind gleichmäßig über die gesamte Lebensdauer des Buches entstanden. Unten: Fast alle der insgesamt 96 Rezensionen dieses Buches wurden in den ersten zwei Monaten generiert, dann passierte nichts mehr.

Bei diesem Indiz ist insofern Vorsicht geboten, als dass es durchaus die Möglichkeit gibt, auf legale und ehrenhafte Art und Weise in begrenztem Umfang ehrliche Rezensionen zu generieren. Zum Beispiel kann man eine sogenannte Leserunde bei lovelybooks veranstalten. Der Schrottbuch-Unternehmer scheut diesen Weg jedoch, denn er bietet keine Möglichkeit, den Inhalt einer Rezension und die Anzahl der Sterne zu beeinflussen. Da seine Bücher Schrott sind, wäre die Gefahr eines Verrisses für ihn viel zu hoch.

#7 | Überwiegend fragwürdige Rezensenten

Wenn ein hoher Prozentsatz der positiven Rezensionen von Rezensenten stammt, die am laufenden Band (täglich oder sogar mehrmals täglich) mutmaßliche Schrottbücher mit ausschließlich fünf Sternen und Lobhudelei bewerten (meist ohne auf den Inhalt des Buches einzugehen), ist höchste Vorsicht geboten.

Welche Produkte ein Rezensent zuletzt rezensiert hat und wie viele Rezensionen er insgesamt geschrieben hat, lässt sich leicht herausfinden: Einfach auf das kleine Icon oberhalb der entsprechenden Rezension klicken. Zahlen im mittleren dreistelligen Bereich sind sehr verdächtig.

Ein Rezensenten-Profil (Screenshot) | Dieser Rezensent hat schon 1.074 Rezensionen verfasst. Wenn ein Rezensent viele Rezensionen schreibt und überwiegend mutmaßliche Schrottbücher immer mit 5‑Sternen und Lobhudelei bewertet hat, ist höchste Vorsicht geboten.

Wie man mit Schrottbüchern umgehen sollte

Ganz einfach: Nicht kaufen!

Außerdem: Fehlkäufe retournieren und/oder die entsprechenden Bücher ehrlich rezensieren.

Wer schweigt, unterstütz den Schrott!

Wichtig: Beim Rezensieren unbedingt sachlich bleiben und auf die Einhaltung der Richtlinien achten. So gut wie alle meine negativen Rezensionen wurden von Amazon bereits wieder gelöscht, weil diese angeblich beleidigende Inhalte hatten. Ich wurde verwarnt und darf nun überhaupt keine Rezensionen mehr schreiben.

Amazon scheint allergisch zu reagieren, wenn man in einer Rezension die Echtheit der anderen Rezensionen anzweifelt. Zu schreiben, dass man »die vielen positiven Rezensionen nicht nachvollziehen kann«, ist aber erlaubt. Zu schreiben, dass der Experten-Autor gar nicht existiert und dass man seine Bücher daher für Betrug hält, wird anscheinend als Beleidigung eingestuft.

Theoretisch könnte man eine Verletzung von Richtlinien auch direkt bei Amazon melden. Ich habe das schon mehrmals gemacht, aber bisher blieben meine Bemühungen erfolglos.

Mein Bezug zum Thema: Ich schreibe selbst erfolgreich Ratgeberbücher, in die ich sehr viel Zeit und Mühe investiere. Außerdem liebe ich es, gute Bücher zu lesen.

Dieser Beitrag darf gerne im Netz verbreitet werden. Je mehr Leser von den oben dargelegten wettbewerbswidrigen und die Leser täuschenden Praktiken der Schrottbuch-Unternehmer erfahren, umso besser.

Dieser Artikel wurde zuerst auf HabitGym veröffentlicht

13 Kommentare zu „Die Zerstörung der Fake-Ratgeber (auf Amazon)

  • Ich habe noch nie eines von diesen Fake-Sachbüchern gelesen, aber auf Amazon sind diese mir sehr häufig aufgefallen. Ich wusste irgendwie, dass es sich um inhaltlosen Schrott handelt.
    Nun habe ich die endgültige Bestätigung.
    Vielen Dank!

  • Danke für Ihren Beitrag Herr Höpker!

    Ich habe eine „Autorin“ gegoogelt und keine offiziellen Einträge zu ihr gefunden, obwohl sie doch angeblich als selbständiger Coach aktiv ist. Einzig einen Fake-Facebook-Account (keine Einträge, keine „Freunde“, nur das Stockfoto-Profilbild).

    Zum Glück war dieser Beitrag auch in den Suchergebnissen 😀

    Mir war nicht bewusst, dass es sich dabei um ein solch großes Geschäft mittlerweile handelt.

    • Interessantes Thema!
      Ich werde dazu weiter recherchieren. Ich frage mich, wie es rechtlich aussieht, wenn erfundene Autoren angeführt werden.
      Ich muss gestehen, dass ich auch ein paar der in Rede stehenden Bücher gekauft habe. Daher interessiert mich das Thema sehr.
      Die Bücher haben übrigens gemeinsam, dass sie alle durch Amazon fulfillment in Polen gedruckt worden sind.
      Grüße

  • Spannend. Ich habe tatsächlich gerade zwecks Recherche auch ein Tap zu Julius Loewenstein offen und bin darüber in diesem Artikel gelandet. Mir war das Thema so noch nicht bewusst. Gut zu wissen und mein Kaufverhalten bezüglich Bücher auf Amazon hat sich gerade auf einen Schlag verändert. Vielen Dank für die Aufklärung.

  • Moin, Fakebücher sind die neue Pest am Buchmarkt, wohl wahr!
    Ein Merkmal ist noch wichtig: die grottenschlechte sprachliche Qualität. Eine Vorschau fehlt in der Regel bei diesen Büchern – sonst könnte man sich ja einen Eindruck vom üblen Inhalt verschaffen – aber schon die Klappentexte und die Beschreibungen bei Amazon sind schlimm.
    Meine Hinweise zu den Fakebüchern sind übrigens hier zu finden: https://expertenbuch-schreiben.de/konzipieren/fakebuecher/
    Beste Grüße
    Cordula Natusch

  • Danke Lutz, Danke Jan,

    ich ermutige Euch weiter zu machen und immer wieder solche Missstände aufzuzeigen.

    Victoria Lakefield, Julius Löwenstein und Konsorten sind wirklich üble Dinge. Das Schlimme ist die Qualität die solche professionellen Täuscher inzwischen an den Tag legen. Und noch übler erscheint mir, dass Amazon dagegen wenig bis nichts zu tun scheint. Dabei wäre es einfach. Echtnamenpflicht für Selfspublisher und das Ding wäre tot. Wieso kann es facebook vorgeben und Amazon nicht…

    • Hallo Christian, es braucht gar keine Änderung von Regeln und Gesetzen, es würde schon reichen, wenn Amazon noch konsequenter gegen gekaufte Rezensionen vorgehen würde. Ich kenne kein einziges erfolgreiches Schrottbuch, das nicht Dutzende offensichtlich unrechtmäßig erworbene Rezensionen hat. Und sie sind wirklich sehr leicht zu erkennen (siehe hier: https://www.habitgym.de/gekaufte-rezensionen/). Vielleicht liege ich falsch, aber für mich sieht es so aus, als ob das Schrottbuch-Geschäftsmodell auf einen Schlag unprofitabel würde, wenn die Werke nur noch ehrliche Rezensionen von echten Käufern erhalten würden.

  • Hatte auch schon schlechte Erfahrungen mit solchen Schrottbüchern gemacht. Sie geben sich extrem viel Mühe ein schönes Cover und eine nette Beschreibung zu schreiben und als ich das Buch gekauft habe war es ein lieblose Buch mit Informationen welche man schnell im Internet finden kann. Sehr enttäuschend! Mit deinen Hinweise werde ich hoffentlich nicht mehr reinfallen, Danke!
    Grüße Helga

  • Interessantes Thema!
    Ich werde dazu weiter recherchieren. Ich frage mich, wie es rechtlich aussieht, wenn erfundene Autoren angeführt werden.
    Ich muss gestehen, dass ich auch ein paar der in Rede stehenden Bücher gekauft habe. Daher interessiert mich das Thema sehr.
    Die Bücher haben übrigens gemeinsam, dass sie alle durch Amazon fulfillment in Polen gedruckt worden sind.
    Grüße

    • Hallo Sandra, soweit ich weiß, lässt Amazon KDP aktuell alle Print on Demand Bücher in Polen drucken. Was die Gesetze zu den frei erfundenen Autoren sagen, würde mich auch brennend interessieren. Diejenigen, die für ihre Bücher Autoren erfinden, rechtfertigen sich für gewöhnlich damit, dass Ghostwriter und Pseudonyme gang und gäbe seien. Im Bereich Belletristik mag das sogar stimmen …

  • Ich bin leider auf das Buch von den angeblichen Autor Ulrich Sprenger-Menlow hereingefallen. Habe er erst bemerkt, als ich es in den Händen hielt. Schrift zu klein, große Zeilenabstand etc. Eigentlich alles, was im Beitrag beschrieben wurde. Weiß nicht, warum man so etwas macht. Macht den kompletten Verlag und deren Bücher extrem unseriös.

    Vielen Dank für den Tipp „ReviewMeta“. Werde dir Seite zukünftig wohl öfter zu Rate ziehen (müssen).

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